Betriebe können ihre Auszubildenden mit staatlicher Unterstützung ins Ausland schicken. Doch nur wenige Unternehmen machen von der Möglichkeit einer zeitweisen Ausbildung im Ausland Gebrauch. Insgesamt kann bis zu einem Viertel der Ausbildung im Ausland absolviert werden – und zwar in allen anerkannten Ausbildungsberufen. Welche Vorteile Auslandsaufenthalte in der Ausbildung für Azubis und den Ausbildungsbetrieb haben und was für Förderprogramme es gibt, zeigt unser Beitrag.
Ausbildung mit Auslandsaufenthalt: Azubis und Betriebe profitieren
Bewerber*innen mit Auslandserfahrung gesucht? Manche Betriebe organisieren den Auslandsaufenthalt für ihre Mitarbeiter*innen einfach selbst – und zwar direkt in der Ausbildung. Das lohnt sich – sowohl für die Azubis als auch für den Ausbildungsbetrieb. „Unsere Auszubildenden übernehmen bei der Planung ihrer Auslandseinsätze von Anfang an viel Verantwortung. Sie kümmern sich eigenständig um die Kontaktaufnahme mit den jeweiligen Standorten und Teams und organisieren auch ihre Unterkunft selbst. Diese Vorgehensweise stärkt die Eigeninitiative und Selbstständigkeit“, berichtet Nadine Balzereit, Vocational Training Managerin bei Vattenfall.
Seit 2018 ermöglicht Vattenfall Azubis Auslandsaufenthalte in der Ausbildung – rund die Hälfte von ihnen nimmt das Angebot wahr. „Durch die Zeit im Ausland – fern von Familie und Freunden – reifen sie persönlich, entwickeln Selbstvertrauen und Offenheit und lernen, auf eigenen Beinen zu stehen“, sagt Balzereit. Zudem würden Sprachkenntnisse gefördert, „und sie profitieren von der Möglichkeit, ihr Netzwerk zu erweitern sowie wertvolle internationale Kontakte zu knüpfen.“ Ein Auslandsaufenthalt sei außerdem ein bedeutender Pluspunkt im Lebenslauf und unterstütze die Persönlichkeitsentfaltung.
„Auch für uns als Ausbildungsbetrieb ergeben sich zahlreiche Vorteile“, ergänzt Balzereit. „Die Azubis bringen nach ihrem Aufenthalt neue Perspektiven in ihre Stammabteilungen zurück, was nachhaltig zur Weiterentwicklung beiträgt.“ Isabel Jelovic, Ausbildungsleiterin beim Regierungsbezirk Oberbayern, der ebenfalls Auslandsaufenthalte in der Ausbildung anbietet, sieht das ähnlich. „Die dabei gewonnenen Erfahrungen fördern insbesondere Selbstständigkeit, Flexibilität und den fachlichen Blick über den eigenen Verwaltungsalltag hinaus“, sagt sie.
Welche Möglichkeiten für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung gibt es?
Damit ein Auslandsaufenthalt als Teil der Ausbildung anerkannt wird, müssen die Tätigkeiten im Ausland laut §2 Abs.3 Berufsbildungsgesetz mit den Ausbildungsinhalten übereinstimmen. Da bei der Berufsausbildung grundsätzlich das praxisorientierte Lernen im Vordergrund steht, sind Auslandspraktika die übliche Form bei Auslandsaufenthalten in der Ausbildung. Aber auch ein Sprachkurs im Ausland kann Teil einer Berufsausbildung sein. Bei Auslandspraktika innerhalb der Ausbildung sollte der oder die Auszubildende die Arbeitssprache, die im Praktikumsbetrieb im Ausland gesprochen wird, soweit beherrschen, dass eine betriebliche Einbindung möglich ist.
Extra-Tipp: Das Ausbildungsgehalt muss während des Auslandsaufenthalts in der Ausbildung weitergezahlt werden. In manchen Fällen vereinbaren Ausbildungsbetriebe mit dem Praktikumsbetrieb im Ausland eine Beteiligung an der Ausbildungsvergütung.
Welche Ausbildungsberufe eignen sich für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung?
Zulässig und anerkannt ist die Ausbildung im Ausland für alle Berufsausbildungen. In bestimmten Ausbildungsberufen werden die Möglichkeiten einer Ausbildung im Ausland aber häufiger genutzt als in anderen. Spitzenreiter sind der Bundesagentur für Arbeit zufolge angehende Industriekaufleute. In der IT und technischen Berufsfeldern wie der Mechatronik, in denen Auslandseinsätze später oft zum Arbeitsalltag gehören, ermöglichen Unternehmen erste Auslandserfahrungen ebenfalls vermehrt schon in der Ausbildung.
Das Energieunternehmen Vattenfall bietet zum Beispiel Auslandsaufenthalte für Industriekaufleute, Fachinformatiker*innen für Daten- und Prozessanalyse, Kaufleute für Digitalisierungsmanagement und Kaufleute für Dialogmarketing an. Dadurch werde die internationale und gesellschaftsübergreifende Zusammenarbeit gefördert, „was für unsere Unternehmenskultur und die zukünftige Entwicklung unserer Teams von großem Wert ist“, sagt Nadine Balzereit, Vocational Training Managerin bei Vattenfall.
Gerade Branchen mit internationalem Arbeitsumfeld entsenden ihre Azubis verstärkt ins Ausland. Dazu gehören auch Betriebe aus dem Tourismus, der Hotellerie und der Gastronomie. Und auch das Handwerk schickt seine Lehrlinge, ganz im Sinne der traditionellen Walz, gerne einmal in die weite Welt. Aber auch Ausbildungsbetriebe, die fest in innerdeutschen Strukturen verankert sind – etwa aus dem öffentlichen Dienst – verschaffen ihren Azubis die Gelegenheit, Erfahrungen im Ausland zu sammeln. „Der Bezirk Oberbayern ermöglicht Auslandspraktika im europäischen Ausland, um unseren Auszubildenden und dual Studierenden Einblicke in andere Verwaltungsstrukturen und Arbeitsweisen innerhalb Europas zu geben“, erklärt Isabel Jelovic, Ausbildungsleiterin beim Bezirk Oberbayern.
Können auch kleine und mittlere Betriebe eine Ausbildung im Ausland anbieten?
Doch können kleine Betriebe, beispielsweise aus dem Handwerk, Projekte wie eine Ausbildung im Ausland überhaupt stemmen? Überraschenderweise sind es gerade die kleinen und mittleren Unternehmen, die ihren Azubis einen Auslandsaufenthalt ermöglichen. Knapp zwei Drittel der Auszubildenden, deren Betriebe Fördergelder für die Ausbildung im Ausland beantragen, sind der Bundesagentur für Arbeit zufolge in kleinen oder mittelgroßen Firmen beschäftigt.
Große Konzerne indes schicken ihre Azubis teilweise auf eigene Kosten ins Ausland. Der Grund: Gerade bei großen betrieblichen Strukturen kann die Beantragung der staatlichen Unterstützung mit einigem bürokratischen Aufwand verbunden sein.
Wann ist der beste Zeitpunkt für einen Auslandsaufenthalt in der Ausbildung?
Erlaubt ist ein Auslandsaufenthalt zu jedem Zeitpunkt der Ausbildung. Das Bundesinstitut für Berufsbildung empfiehlt jedoch, die Ausbildung im Ausland kurz nach der Zwischenprüfung oder dem ersten Teil der gestreckten Abschlussprüfung einzuplanen. Die Azubis sind bis dahin im Arbeitsalltag angekommen, haben erste Berufserfahrung gesammelt und auch schon die erste Hürde gemeistert. Gleichzeitig bleibt noch genügend Zeit, um sich auf die Abschlussprüfung vorzubereiten.
Wie lange sollte die Ausbildung im Ausland dauern?
Rein rechtlich besteht zwar die Möglichkeit, bis zu einem Viertel der Berufsausbildung im Ausland zu verbringen. Bei einer dreijährigen Ausbildung sind das neun Monate. Für genau diesen Zeitraum können Auszubildende, die im Ausland sind, auch von der Berufsschule befreit werden. Allerdings muss der Schulstoff selbstständig nachgeholt werden. Und da liegt oft das Problem: Sich über Monate verpasste schulische Inhalte im Nachhinein anzueignen, ist für Azubis und Betriebe eine große Herausforderung.
Gängig sind deshalb kürzere Auslandsaufenthalte – in der Regel dauert die Ausbildung im Ausland drei bis vier Wochen. Aufenthalte von mehr als drei Monaten sind eher selten.Rein rechtlich besteht zwar die Möglichkeit, bis zu einem Viertel der Berufsausbildung im Ausland zu verbringen. Bei einer dreijährigen Ausbildung sind das neun Monate. Für genau diesen Zeitraum können Auszubildende, die im Ausland sind, auch von der Berufsschule befreit werden.
Allerdings muss der Schulstoff selbstständig nachgeholt werden. Und da liegt oft das Problem: Sich über Monate verpasste schulische Inhalte im Nachhinein anzueignen, ist für Azubis und Betriebe eine große Herausforderung. Gängig sind deshalb kürzere Auslandsaufenthalte – in der Regel dauert die Ausbildung im Ausland drei bis vier Wochen. Aufenthalte von mehr als drei Monaten sind eher selten.
Förderprogramme für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung
Betriebe, die ihren Azubis ermöglichen, einen Teil ihrer Ausbildung im Ausland zu absolvieren, können auf verschiedene Unterstützungsangebote zurückgreifen.
Beratung zu finanziellen Fördermöglichkeiten, der Vermittlung von Praktikumsbetrieben im Ausland und zur Organisation und Planung der Auslandsaufenthalte für Auszubildende bieten beispielsweise die Organisationen:
- Beratungsstelle für Auslandsaufenthalte in der Ausbildung der Nationalen Agentur beim Bundesinstitut für Berufsbildung (NA beim BIBB)
- Berufsausbildung ohne Grenzen (speziell für kleinere und mittlere Betriebe, auch aus dem Handwerk)
Finanzielle Förderung gibt es unter anderem über die Programme
Ausbildungsbetriebe, die regelmäßig Auszubildende ins Ausland schicken, können sich dauerhaft akkreditieren. Der Vorteil: weniger Bürokratie und Verwaltungsaufwand bei der Antragsstellung. Möglich ist aber auch die Förderung einzelner Auslandsprojekte.
Engagierte Auszubildende rekrutieren mit Auslandspraktika in der Ausbildung
Auch wenn das Angebot, Teile der Berufsausbildung im Ausland zu verbringen, einen gewissen Aufwand bedeutet: Der Einsatz lohnt sich. Gerade für engagierte und leistungsstarke Schüler*innen gewinnen Ausbildungsangebote durch die Möglichkeit eines Auslandsaufenthalts an Attraktivität.
Im Wettbewerb um Auszubildende sei die Möglichkeit für Auslandsaufenthalte ein klarer Pluspunkt, sagt Nadine Balzereit von Vattenfall: „Es macht uns als moderner, internationaler Ausbildungsbetrieb attraktiv und ermöglicht den Aufbau eines standortübergreifenden Netzwerks bereits während der Ausbildung.“ Die Auszubildenden fühlten sich dadurch wertgeschätzt und gefördert: „Dies führt zu einer sehr hohen Motivation, Dankbarkeit und Loyalität und dient somit als Bindungsmaßnahme.“
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