Mehr als 9.000 grundständige Studiengänge und rund 330 Ausbildungsberufe: Berufsorientierung nach dem Abitur ist für viele Schüler*innen schon wegen der ungeheuren Fülle an Angeboten oft eine Herausforderung. Gerade Gymnasiast*innen brauchen deshalb im Prozess der Berufs- und Studienwahl Struktur. Das bedeutet: Rechtzeitig mit der Berufsorientierung beginnen, grundsätzliche Fragen wie die Entscheidung, ob Studium oder Ausbildung, möglichst früh klären, Talente und Interessen durch Praktika überprüfen und wenn nötig nach dem Abi eine Auszeit nehmen.
Zwischen Abistress und Berufswahl – wann ist der richtige Zeitpunkt für Berufsorientierung?
Im letzten, oft auch schon im vorletzten Jahr vor dem Abitur, hat für die meisten Schüler*innen das Lernen und die Prüfungsvorbereitung Priorität. Ist es wirklich nötig, in dieser oft stressigen Phase auch noch Zeit in Berufsorientierung zu investieren? Das kommt drauf an. Wenn du gleich nach dem Abitur im Wintersemester mit dem Studium beginnen möchtest, musst du dich spätestens wenige Wochen vor oder unmittelbar nach dem Abitur für einen Studiengang entscheiden – denn am 15. Juli enden in der Regel die Bewerbungsfristen der Universitäten und Hochschulen.
Auch Ausbildungsverträge werden in der Regel im Frühjahr und im Sommer abgeschlossen, da das Ausbildungsjahr je nach Bundesland Anfang September oder Anfang August beginnt. Ausbildungsplätze für duale Studiengänge und Ausbildungsstellen in großen Konzernen werden sogar meistens schon ein Jahr im Voraus vergeben.
Um nach dem Abitur nahtlos ins Studium oder in die Ausbildung starten zu können und für deine Berufsorientierung ausreichend Zeit zu haben, ist es sinnvoll, dass du dir über deine Studien- und Berufswahl spätestens ab der 10. Klasse ernsthaft Gedanken machst. Noch besser ist es, wenn du schon in der 9. Klasse damit anfängst – in dieser Jahrgangsstufe wird an den meisten Gymnasien auch das erste Pflichtpraktikum absolviert.
Studieren oder eine Ausbildung nach dem Abitur machen?
Nach dem Abitur hast du die Möglichkeit, zu studieren oder eine Berufsausbildung zu absolvieren. Was für dich das Richtige ist, hängt davon ab, welcher Lerntyp du bist: Wenn du dich für Zusammenhänge interessierst, gerne abstrakt denkst, Spaß an kniffligen Aufgaben hast und über schwierige Themen am liebsten erst einmal allein in Ruhe nachdenkst, bist du wahrscheinlich ein theoretischer Typ. Diese Fähigkeiten kannst du am besten nutzen, wenn du ganz klassisch an einer Universität studierst.
Oder ist dir vor allem die Anwendung deiner Kenntnisse wichtig und die Frage, wozu du dein Wissen überhaupt brauchst? Besprichst du Probleme gerne im Team und magst schnell umsetzbare Ideen lieber als komplexe Konzepte? Dann bist du eher praktisch veranlagt und wirst wahrscheinlich mit einer Berufsausbildung, einem dualen Studium oder einem Studium an einer Hochschule für angewandte Wissenschaften glücklicher als an der Uni.
Ein weit verbreiteter Irrtum ist übrigens, dass sich ein Abitur nur lohnt, wenn man danach auch studiert. Berufsausbildungen bieten inzwischen bei entsprechenden Weiterbildungen die gleichen beruflichen Chancen wie ein Hochschulabschluss. Außerdem kannst du deine Ausbildung mit Abitur in der Regel um bis zu ein Jahr verkürzen. Und: Eine abgeschlossene Berufsausbildung bringt dich definitiv weiter als ein abgebrochenes Studium.
Extra-Tipp: Zu den meisten Studiengängen gibt es auch eine passende Berufsausbildung. Wenn du nicht studieren willst, dich aber für Elektrotechnik, Informatik, BWL oder Jura interessierst, kannst du zum Beispiel eine Ausbildung als Elektroniker*in oder Fachinformatiker*in machen, einen kaufmännischen Ausbildungsberuf erlernen oder dich auf eine Ausbildungsstelle als Rechtsanwaltsfachangestellte*r bewerben.
Worauf es bei der Studienwahl ankommt
Wichtig ist bei der Studienwahl vor allem, dass du dich nicht verzettelst. Das Angebot an Studiengängen ist riesig – und es ist völlig utopisch, sich mit jedem einzelnen Studiengang im Detail auseinanderzusetzen. Eine Rolle spielen bei der Studienwahl diese Aspekte:
- Zulassungsvoraussetzungen (NC)
- Fachrichtung
- Studienmodell
- Uni oder Hochschule
- Studienort
- Berufliche Möglichkeiten nach dem Abschluss
- Spätere Gehaltsperspektiven
- Jobsicherheit
Über all diese Faktoren solltest du so viele Informationen wie möglich einholen, bevor du dich fürs Studium einschreibst. Teil einer soliden Berufsorientierung sind auch Praktika in den verschiedenen Berufen, die dir nach deinem Hochschulabschluss offenstehen. Am wichtigsten ist aber die Frage, ob das Studium zu deiner Persönlichkeit passt. Erkunde dazu am besten erst einmal deine Stärken und Interessen, etwa mit Berufsorientierungstests oder mit einer Potenzialanalyse. Lege dich dann auf eine bestimmte Fachrichtung fest, beispielsweise Technik, Informatik, Wirtschaft, Kultur, Sprachen, Soziales & Gesellschaft oder Kreatives. Besuche Vorlesungen an Universitäten, die dir interessant erscheinen. Die meisten Vorlesungen an staatlichen Universitäten sind öffentlich. Du kannst in der Regel ohne Termin einfach hingehen und zuhören. Auch bei den Studienberatungen der Universitäten und Hochschulen bekommst du wertvolle Tipps.
Wenn du mehr wissen willst: Vereinbare ein Treffen mit den Fachschaften und lass dir von Studierenden Einblicke in die Studieninhalte geben. Ratsam ist außerdem der Besuch einer Berufsorientierungsmesse – denn hier kannst du mehrere Hochschulen und Universitäten kennenlernen und vergleichen.
Ausbildungen für Abiturient*innen
ach dem Abitur kannst du dich für jede Ausbildungsstelle bewerben. Bei bestimmten Ausbildungsberufen ist der Abiturientenanteil jedoch besonders hoch. Beliebt sind bei Schüler*innen mit Abitur zum Beispiel Ausbildungen für
- Industriekaufleute
- Kaufleute für Büromanagement
- Fachinformatiker*innen
- Kaufleute im Groß- und Außenhandel
- Bankkaufleute
- Immobilienkaufleute
- Steuerfachangestellte
- Verwaltungsfachangestellte
Was diese Berufsausbildungen gemeinsam haben: Sie sind Büroberufe. Wenn du dich für eine Ausbildung nach dem Abitur interessierst, lohnt sich aber ein Blick über den Tellerrand. Auch im technischen Bereich gibt es viele spannende Ausbildungsberufe mit besten Karriereperspektiven, etwa rund um das Thema erneuerbare Energien. Immer mehr Abiturient*innen entdecken außerdem das Handwerk für sich. Mit einer Handwerksausbildung nach dem Abitur kannst du dich zum/zur Meister*in weiterbilden, einen eigenen Betrieb eröffnen und, wenn du erfolgreich bist, ein Einkommen erzielen, von dem viele Hochschulabsolvent*innen nur träumen können.
Ein weiterer Vorteil einer Berufsausbildung: Du kannst über Praktika im Vorfeld ganz konkret ausprobieren, ob dir der Beruf Spaß macht und zu dir passt. Auch dafür lohnt sich der Besuch einer Berufsorientierungsmesse: Du kannst Ausbildungsbetriebe aller Fachrichtungen aus deiner Region kennenlernen und auch gleich nach Praktikumsstellen fragen.
Wann ein Gap Year nach dem Abitur sinnvoll ist
Viele Abiturientinnen haben bis zum Abitur aber überhaupt noch keinen Plan, wie es nach der Schule weitergehen soll. Bevor du nach dem Abitur ein Studium oder eine Ausbildung beginnst und später abbrichst, nimm dir lieber erst einmal eine Auszeit. Rund ein Drittel aller Schülerinnen legen nach dem Abitur ein Gap Year ein. Du bist also nicht allein.
Klarheit bringen kann bei der Berufsorientierung zum Beispiel ein Auslandsaufenthalt. Oder du sammelst bei einem Freiwilligendienst praktische Erfahrungen und lernst die Arbeit in gemeinnützigen Organisationen kennen. Oft ergibt sich daraus später ein Berufswunsch.
- Auslandsaufenthalte nach dem Abitur
- 5 Gründe für ein Gap Year nach dem Abitur
- FSJ (Freiwilliges Soziales Jahr)
- FSJ oder Bundesfreiwilligendienst

Berufsorientierung nach dem Abitur mit Stuzubi
Ob Studium, Ausbildung oder Gap Year: Stuzubi begleitet dich bei deinem Prozess der Berufsorientierung – mit Berufsorientierungsmessen, auf denen du dich über Universitäten, Hochschulen und Ausbildungsbetriebe in deiner Region sowie über Auslandsaufenthalte und Freiwilligendienste informieren kannst. Außerhalb der Messen helfen dir Medien wie das Stuzubi Online Magazin, der Stuzubi YouTube Kanal, Stuzubi auf TikTok bei deiner Berufs- und Studienwahl.



