Ingenieurwissenschaften, BWL, soziale Arbeit und studieren im öffentlichen Dienst: Duale Studiengänge im Überblick.

Duale Studiengänge: Infos und Erfahrungsberichte

    Die meisten Studiengänge gibt es auch als duales Studium. Dual studieren bedeutet, dass du theoretisches Fachwissen an einer Hochschule erwirbst und deine Kenntnisse in Praxisphasen , die Teil deines Studiums sind, in einem Ausbildungsbetrieb anwendest. Beliebt sind duale Studiengänge vor allem im Ingenieurwesen, in den Wirtschaftswissenschaften, im Bereich Soziales und Gesundheit und im öffentlichen Dienst, wo ein duales Studium oft die Zugangsvoraussetzung für bestimmte berufliche Positionen ist.

    Am häufigsten sind duale Studiengänge in den Ingenieurwissenschaften. Mit 35,4 Prozent stellt dieser Fachbereich laut einer aktuellen Erhebung des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) und des Forschungsinstituts Betriebliche Bildung (f-bb) den größten Anteil der dualen Studiengänge. Insgesamt 26,2 Prozent der dual Studierenden entscheiden sich für duale Studiengänge aus den Rechts- und Wirtschaftswissenschaften, die meisten von ihnen absolvieren ein duales BWL Studium. Duale Studiengänge aus den Sozialwissenschaften, Gesellschaftswissenschaften und Gesundheitswissenschaften, zu denen zum Beispiel auch Studiengänge wie Soziale Arbeit und Sozialpädagogik zählen, sind mit einem Anteil von knapp zwölf Prozent ebenfalls begehrt.

    Aber wie finde ich heraus, ob ein duales Studium Sinn für mich macht? Und wie läuft der Studienalltag in dualen Studiengängen im jeweiligen Fachbereich ab? Bei welchen Ausbildungsbetrieben arbeite ich, und an welcher Hochschule studiere ich? Hochschuldozent*innen und Studierende geben Antworten.

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    Nach dem Abitur dual studieren?

    Duale Studiengänge sind den meisten Jugendlichen zwar als Alternative zum Vollzeitstudium und der klassischen Berufsausbildung bekannt. Oft ziehen Schüler*innen, die sich später für ein duales Studium entscheiden, diese Möglichkeit aber beim Beginn ihrer Berufsorientierung noch gar nicht in Erwägung. Paula Riehn (22) wollte zum Beispiel eigentlich Bauingenieurwesen an der Uni studieren. „In der Schule hatten wir viel Berufsorientierung und ich kannte das duale Studium, aber mir war noch nicht klar, was es einem bringt“, erzählt sie. Eine Freundin, die dual studiere, habe ihr zu diesem Weg geraten: „Da habe ich mich im Internet umgeschaut und das duale Studium bei der Hamburger Hochbahn AG AG entdeckt.“

    Jonathan Bauer (25) fand auf Umwegen zu seinem dualen Studium beim Düsseldorfer Jugendamt. „Ich habe vorher Theologie studiert und wollte Pastor werden“, erzählt er. Doch dann sei eine Umbruchphase gekommen, die seinen Entschluss ins Wanken gebracht habe. Inspiriert von seinem Bruder, der das Fach Wirtschaftswissenschaften dual studiere, habe er „duales Studium Soziale Arbeit“ bei Google eingegeben: „Und da kam einiges, unter anderem das Angebot der Stadt Düsseldorf.“

    Studieren und arbeiten: So sind duale Studiengänge aufgebaut

    Duale Studiengänge verbinden ein akademisches Studium mit einer praktischen Ausbildung im Beruf. Wie die Aufteilung zwischen Studium und Arbeit im Unternehmen konkret aussieht, unterscheidet sich je nach Studiengang und Hochschule. „Bei uns wechseln Praxis- und Hochschulzeiten nach Wochentagen“, erzählt Jonathan, der beim Jugendamt Düsseldorf dual das Fach Soziale Arbeit studiert. Oft finden das Studium an der Hochschule und die Ausbildung im Betrieb aber auch in Blöcken von mehreren Wochen oder Monaten statt. Dabei kann es vorkommen, dass die Hochschule in einer anderen Stadt liegt als das Unternehmen, in dem du arbeitest. Dein Betrieb unterstützt dich in diesen Fällen in der Regel bei der Wohnungssuche oder stellt dir sogar eine Unterkunft.

    Die theoretischen Methoden, die dir an der Hochschule beigebracht werden, kannst du direkt im realen Berufsleben ausprobieren. „Manchmal sind Theorie und Praxis zeitlich versetzt“, räumt Paula ein, die bei der Hamburger Hochbahn AG AG ein duales Studium in Bauingenieurwesen absolviert. „Aber diese Verzahnung funktioniert.“

    Einige duale Studiengänge beinhalten neben dem Bachelor auch einen Abschluss in einem Ausbildungsberuf. Der Fachbegriff für dieses Studienmodell ist ausbildungsintegrierendes duales Studium oder Verbundstudium. Verbreiteter sind jedoch sogenannte praxisintegrierende duale Studiengänge, bei denen du keinen zusätzlichen Abschluss für eine Berufsausbildung absolvierst.

    Bewerbungsverfahren für duale Studiengänge

    Die Bewerbungsverfahren für duale Studiengänge sind unterschiedlich. In der Regel bewirbst du dich zunächst bei deinem Ausbildungsbetrieb ein Jahr vor Studienbeginn mit einer schriftlichen Bewerbung inklusive Lebenslauf, Zeugnissen und meistens auch einem Bewerbungsanschreiben.

    Es gibt allerdings Ausnahmen. An der IU Internationalen Hochschule sind zum Beispiel Bewerbungen für duale Studiengänge bis zu einem Monat vor Studienbeginn möglich, und für alle Schüler*innen, die eine Hochschulzugangsberechtigung und einen Praxispartner gefunden haben, gibt es eine Studienplatzgarantie. Beim Jugendamt Düsseldorf gelten dagegen lange Bewerbungsfristen. „Nur weil ich der erste in meinem Jahrgang war, konnte ich mich spontan bewerben“, berichtet Jonathan. Nach seiner schriftlichen Bewerbung mit Anschreiben, Lebenslauf und Zeugnissen sei er zum Onlinetest eingeladen worden: „Dafür bekommt man einen Link zugeschickt, und den Test macht man dann daheim.“

    Inhaltlich sei es bei dem Test zum Beispiel um Logikfragen und ein Grundverständnis in Mathematik, aber auch um Rechtschreibung gegangen. Der zweite Schritt im Bewerbungsverfahren fürs duale Studium bei der Landeshauptstadt Düsseldorf sei ein Videointerview: „Die Kandidaten beantworten zwei Fragen und nehmen sich selbst dabei auf.“ Die nächste Hürde: ein Assessmentcenter, bei dem die Bewerber*innen unter der Beobachtung der Personalverantwortlichen Gruppenaufgaben lösen. Abschließend musste Jonathan in einem bestimmten Zeitrahmen eine Präsentation über sich selbst vorbereiten und im Einzelgespräch vortragen.

    „Man muss sich wegen dem Einstellungstest und dem Assessmentcenter aber nicht verrückt machen“, versichert Jonathan. Insgesamt habe er sich auf alles nicht länger als einen halben Tag vorbereitet. Für den Online-Test habe er im Internet nach möglichen Fragen gesucht und etwa 30 Minuten lang geübt. Vor dem Assessmentcenter informierte er sich über mögliche Fettnäpfchen: „Zum Beispiel, dass man andere ausreden lässt.“ Für seine Selbstdarstellung legte er sich Karteikarten zurecht und trainierte mit Eltern und Freunden das freie Sprechen.

    Der Vorteil der umfangreichen Einstellungstests: „Die dual Studierenden wissen schon im Vorfeld, was auf sie zukommt“, sagt Arno Hein, Dozent aus dem Fachbereich Rechtspflege an der Hessischen Hochschule für Finanzen und Rechtspflege in Rothenburg an der Fulda. Doch nicht immer durchlaufen die Bewerber*innen Tests und Assessmentcenter. Die Einstellungsverfahren sind so unterschiedlich wie die verschiedenen Studiengänge.

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    Duale Studiengänge: duales Studium BWL

    Mehr als ein Viertel aller dualen Studiengänge sind aus dem wirtschaftswissenschaftlichen Bereich. Vor allem für BWL (Betriebswirtschaftslehre) biete sich ein duales Studium an, sagt Professor Robin Christmann, Vizepräsident für Forschung an der Leibniz FH in Hannover.

    Die Spezialisierungsmöglichkeiten sind beim dualen BWL Studium vielfältig. An der Leibniz FH gibt es sechs Vertiefungsangebote: Handel und Dienstleistung, Finanzwesen, Industrie und Automotive, Logistik, Tourismus und Event und Health Management. Am meisten nachgefragt werde der Bereich Handel und Dienstleistungen, sagt die Professorin Martina Peuser, die an der Leibniz FH den Studiengang Business Administration leitet.

    Wie ein duales Studium in Betriebswirtschaftslehre konkret abläuft berichtet Marcel Kuhles (21), der ein duales Studium in BWL an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW) in Heilbronn und bei Kaufland Berlin absolviert, im Beitrag BWL dual Studieren.

    Duale Studiengänge im sozialen Bereich

    „Soziale Arbeit ist Arbeit mit Menschen“, sagt Bärbel Schomers, Professorin für Soziale Arbeit an der IU Internationalen Hochschule in Köln. Und soziale Kontakte, die finden natürlich in der Praxis statt – am besten schon im Studium. Die Einsatzmöglichkeiten im Praxisteil sind für duale Studiengänge in Sozialer Arbeit vielfältig. „Vom kirchlichen Altenheim über Familienzentren oder stationäres und ambulantes betreutes Wohnen für Menschen mit Behinderungen oder psychischen Erkrankungen bis zum Waldkindergarten, da ist alles dabei“, berichtet Schomers.

    An der Hochschule befassen sich die dual Studierenden unter anderem mit Sozialwissenschaften, Pädagogik und Psychologie, aber auch mit Jura und Management. „Man braucht das Handwerkszeug der Wissenschaft, muss einen vernünftigen Text und einen Antrag schreiben können“, sagt Schomers. Gerade im Leitungsbereich seien außerdem Managementkompetenzen gefragt. Berufe in der Sozialen Arbeit seien sehr abwechslungsreich: „Jeder Tag ist anders, man weiß nie, was passiert.“ Man sei viel mit Menschen zusammen und sitze wenig am Rechner. Wer jedoch gerne im Büro arbeite, finde im sozialen Bereich ebenfalls interessante Stellen: „Man kann Geschäftsführerin bei der Caritas werden oder zum Jugendamt in die Verwaltung, auch das geht.“

    Fürs Jugendamt hat sich Jonathan entschieden. Seinen Praxisteil absolviert er hauptsächlich in der Bezirkssozialarbeit. „Dort unterstützt man Menschen bei der Erziehung ihrer Kinder in ganz vielen Lebenslagen“, erklärt er.

    Ein typisches Fallbeispiel: Ein Ehepaar trenne sich, die Mutter sei mit drei Kindern plötzlich allein und mit der Situation überfordert. Über die Schulsozialarbeiterin werde sie an die Bezirkssozialarbeit verwiesen. Hier beginnt die Arbeit von Jonathan: „Ich lade die Mutter ein und spreche mit ihr und den Kindern.“ Das Jugendamt könne zum Beispiel bei der Durchsetzung von Unterhaltsansprüchen helfen oder bei der Suche nach einem Kitaplatz. Möglich sei auch eine sozialpädagogische Familienhilfe: „Da kommt ein bis zweimal pro Woche jemand und unternimmt beispielsweise etwas mit den Kindern oder hilft der Mutter zum Beispiel bei behördlichen Angelegenheiten.“

    Noch nicht direkt mit eingebunden sind die Studierenden in den Bereich Kinderschutzmeldungen. Hier gehe es auch um sensible Themen wie Gewalt gegenüber Kindern. Im Studium bearbeite er diese Fälle nicht: „Aber ich schaue es mir an, und wenn dann teilweise das Kindeswohl gefährdet ist, denke ich mir schon, uff, ganz schön heftig.“ Als belastend empfinde er das aber nicht: „Im Privatleben kann ich mich gut von dem abgrenzen, was ich in der Arbeit sehe.“

    Nach seinem Abschluss kann sich Jonathan in der gesamten Stadtverwaltung bewerben. Stellenangebote gebe es im Bereich Soziale Arbeit „richtig viele“, bekräftigt auch Schomers: „Das mit dem Job klappt immer, man findet sofort etwas.“ Zwei Drittel der Studierenden bekämen direkt von ihrem Praxisbetrieb ein Übernahmeangebot, sagt André Adler, Pressesprecher der IU. „Auch ich selbst habe in meinem ganzen Leben nie länger als drei Wochen nach einem Job gesucht“, so Schomers.

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    Duales Studium Bauingenieurwesen

    Einen immensen Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften und entsprechend viele Stellenangebote gibt es auch im Ingenieurwesen. Mehr als 35 Prozent der Angebote beim dualen Studium sind ingenieurwissenschaftliche duale Studiengänge. Der Anteil der dual Studierenden an allen Studierenden ist in diesem Fachbereich aber immer noch relativ gering. In der Elektrotechnik liege er an ihrer Hochschule bei unter zehn Prozent, beim Studiengang Regenerative Energien seien es sogar noch weniger, berichtet die Professorin Stephanie Uhrig, die an der Hochschule München den Studiengang Regenerative Energien – Elektrotechnik leitet. „Ich würde mir mehr dual Studierende wünschen“, sagt sie.

    Gerade beim Studiengang Regenerative Energien lohne sich das duale Modell. Die ersten drei Semester seien teilweise eher trocken. Beim dualen Studium lerne man aber sofort die Anwendung der komplexen theoretischen Inhalte kennen: „Die Studierenden sehen gleich, wozu das gut ist.“ In ihren Ausbildungsbetrieben planen sie zum Beispiel Windanlagen, Photovoltaik-Parks und energieeffiziente Gebäude oder befassen sich mit Netzwerkstabilität und Netzausbau.

    Elektrotechnik sei eines der Kernfächer der Energiewende, sagt Uhrig: „Aber vielen Schülern ist das nicht bewusst.“ Das Bild, das viele Jugendliche von dem Studiengang Elektrotechnik hätten, entspreche häufig nicht der Realität. Ebenso wichtig wie Physik, Mathe und eine gewisse Technikaffinität sei die Fähigkeit zu kommunizieren: „Zum Bau eines großen Photovoltaik-Parks gehört zum Beispiel viel Abstimmung mit der Gemeinde.“

    Einen Beitrag für mehr Nachhaltigkeit leistet auch Paula in ihrem dualen Studium für Bauingenieurwesen bei der Hamburger Hochbahn AG AG. Beim Bau der U5 in Hamburg entsteht derzeit eines der größten Projekte im öffentlichen Nahverkehr in Norddeutschland – und Paula ist dabei. „Die Möglichkeit an der U5 mitzuarbeiten hat mich von Anfang an fasziniert“, schwärmt sie.

    Im Moment arbeitet Paula an einer Bodenuntersuchung mit dem Fraunhoferinstitut zusammen. „Das ist schon spannend, worauf man beim Bohren so stößt“, erzählt sie. Aufgetaucht seien zum Beispiel 40 Zentimeter große Findlinge aus der Eiszeit. Sie nimmt an Besprechungen der Ingenieure teil und ist auf Baustellen unterwegs. Die Umgangsformen seien dort anders als im Büro, sagt Paula und lacht: „Da kommt man nicht im Anzug an und es kann auch mal laut werden.“

    Neben technischen Aspekten spiele auch Organisatorisches eine Rolle, beispielsweise Baurecht. „Das Ingenieurwissenschaftliche mag ich aber mehr“, räumt sie ein. Statik interessiere sie sehr, „und vor allem Geotechnik ist cool.“ Die theoretischen Grundlagen aus dem Unterricht entsprächen genau dem, was sie jetzt bei ihrer Bodenuntersuchung in der Praxis durchführe. „Das jetzt anwenden zu können gibt mir das Gefühl, wirklich etwas geleistet zu haben“, sagt Paula.

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    Duale Studiengänge im öffentlichen Dienst

    Bei bestimmten Berufen im öffentlichen Dienst sind duale Studiengänge sogar verbindlich als Einstellungskriterium für den Beruf vorgeschrieben, zum Beispiel in der Rechtspflege. Auch für viele Positionen in Behörden ist ein duales Studium eine zwingende Voraussetzung.

    Duale Studiengänge im öffentlichen Dienst bestehen ebenfalls aus einem Theorieteil an der Hochschule und einem Praxisteil – zum Beispiel in Ämtern, bei Gericht und in anderen staatlichen Einrichtungen. Klingt nach Verwaltung? Ist es zum Teil auch – langweilig ist es aber definitiv nicht.

    Jonathan hat bei seinem dualen Studium im Jugendamt Düsseldorf einen festen Ausbildungsplan. „Anfangs habe ich hauptsächlich Chronologien erstellt, Aktenvermerke geschrieben und spannende Termine von Kolleginnen und Kollegen begleitet“, berichtet er. Bei den Abläufen werden die Studierenden genau angeleitet. „Das finde ich auch gut“, betont Jonathan. Ans selbstständige Arbeiten werden die Studierenden Schritt für Schritt herangeführt. Sie begleiten die Mitarbeiter*innen des Jugendamts zu den Treffen mit hilfsbedürftigen Familien, dokumentieren die Besuche und erstellen Hilfepläne. „Ich gehe immer mehr dazu über, Fälle zu übernehmen und eigenständig in Absprache zu steuern.“

    Ähnlich aufgebaut ist das duale Studium zum Rechtspfleger. Im Praxisteil bearbeiten die Studierenden Akten, fahren zu Terminen und sprechen mit Menschen. Der Beruf des Rechtspflegers habe viele Facetten und sei oft sehr kommunikativ, sagt Arno Hein, Dozent für den Fachbereich Rechtspflege an der Hessischen Hochschule für Finanzen und Rechtspflege in Rotenburg an der Fulda: „Immer wieder haben Leute das Bedürfnis, dem Rechtspfleger ihre ganze Lebensgeschichte zu erzählen.“ Häufig sei das sehr tragisch: „Da möchte man fast mitweinen, aber man darf das nicht zu nah an sich ranlassen.“

    Rechtspfleger*innen behandeln unter anderem rechtliche Belange von Bürger*innen bei Erbschaften, führen Zwangsversteigerungen durch, wenn Schulden nicht zurückbezahlt werden oder leiten beim Familiengericht oder Vormundschaftsgericht neben den Richter*innen das Verfahren für Kinder oder Menschen, die beispielsweise an Demenz erkrankt sind. „Im Nachlassrecht, im Familienrecht und bei Zwangsversteigerungen hat man dauernd Termine“, erzählt Hein. Bei Zwangsversteigerungen müsse man auch regelmäßig vor großen Gruppen sprechen. Wer eher menschenscheu sei, könne aber auch am Grundbuchamt oder am Registergericht tätig werden: „Dort bearbeitet man hauptsächlich Akten oder tauscht sich schriftlich mit Notaren aus.“

    Typische Beamte seien Rechtspfleger nicht. In dem Beruf habe man nämlich keine Vorgesetzten. „Das ist eine tolle Sache, bedeutet aber eine enorme Verantwortung“, erklärt Hein. Wie Richter*innen sind Rechtspfleger*innen in ihren Entscheidungen unabhängig und nur dem Gesetz verpflichtet. Nach dem Abschluss gebe es „keinen Welpenschutz mehr, keinen Chef hinter dem man sich verstecken kann.“

    Darauf werde bereits im Studium hingearbeitet. An der Hochschule werde viel diskutiert. „Wir zwingen unseren Studierenden nicht unsere Ansichten auf“, betont Hein. Ziel sei, sie zu schulen, sich selbst eine Meinung bilden zu können, „weil das ist eine der zentralen Fähigkeiten, die unsere Absolventen in ihrem Beruf brauchen.“

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    Ist ein duales Studium schwerer als ein normales?

    Duale Studiengänge haben den Ruf, arbeitsintensiv zu sein. Doch wie zeitaufwändig ist ein duales Studium wirklich, und sind auch die Inhalte schwieriger? In ihren Praxisphasen bei der Hamburger Hochbahn AG habe sie eine 39-Stundenwoche, an der Hochschule vier bis fünf Stunden täglich Vorlesungen, erzählt Paula: „Dazu kommt die Vorbereitung auf die Lehrveranstaltungen.“ Am Semesterende absolvieren die Studierenden fünf Prüfungen und schreiben eine Hausarbeit, mit Abgabetermin in den Praxiszeiten. „Das ist schon knifflig, wenn man sich nach acht Stunden Arbeit noch hinsetzen muss“, räumt Paula ein. „Aber wenn man sich gut organisiert, bekommt man das hin.“ Ihre Hobbys hat sie fürs Studium nicht aufgegeben und spielt weiterhin aktiv im Verein Wasserball.

    Klassische Semesterferien gibt es bei den meisten dualen Studiengängen nicht, die vorlesungsfreien Zeiten sind in der Regel für Ausbildungsphasen im Betrieb vorgesehen. Doch auch hier gibt es Ausnahmen. Jonathan muss bei seinem dualen Studiengang am Jugendamt in den Semesterferien beispielsweise nicht arbeiten – allerdings betrifft das nur seine beiden wöchentlichen Hochschultage. Seine Wochenarbeitszeit für den Praxisteil liege bei etwa 22,5 Stunden, für die Hochschule kämen noch etwa 15 bis 20 Stunden hinzu. Zwar koste ein duales Studium viel Zeit, sagt er: „Aber überlastet bin ich nicht.“ Der Aufwand sei in etwa vergleichbar mit einem regulären Vollzeitstudiengang in Kombination mit einem gängigen Werkstudentenjob mit 20 Wochenstunden.

    An der IU kämen die Studierenden in der Regel auf 40 Wochenstunden, sagt der Pressesprecher der Hochschule, André Adler. Die Lehrzeiten würden mit 20 Stunden veranschlagt, inklusive Vor- und Nachbereitung. Außerdem gebe es arbeitsfreie Zeiten für die Prüfungsvorbereitung.

    Wie hoch der Arbeitsaufwand für duale Studiengänge konkret ist und wie komplex die Inhalte sind, hängt allerdings jeweils vom Fach, von der Hochschule, dem Praxisbetrieb und natürlich von den Studierenden selbst ab.

    Berufliche Perspektiven nach einem dualen Studium

    Viele dual Studierende bleiben nach dem Hochschulabschluss bei ihrem Ausbildungsbetrieb. Teilweise gebe es für duale Studiengänge auch Übernahmegarantien oder sogar die Verpflichtung, nach dem Bachelor für eine bestimmte Zeit weiter für das Unternehmen zu arbeiten, sagt Professor Robin Christmann von der Leibniz FH. Auch die Stadt Düsseldorf verpflichtet ihre Bachelorabsolvent*innen für mindestens drei Jahre. Das bedeute aber auch Jobsicherheit, erklärt Jonathan: „Wir dürfen und müssen erstmal bei unserem Ausbildungsbetrieb bleiben.“

    Auch Paula möchte nach ihrem Bachelorabschluss bei der Hamburger Hochbahn AG AG weiter am Bau der U5 mitarbeiten. Inhaltlich finde sie im Moment Geotechnik sehr interessant und spiele mit dem Gedanken, sich darauf zu spezialisieren. Festlegen wolle sie sich aber noch nicht: „Ich weiß ja nicht, was jetzt noch alles im Studium kommt.“

    Oft finde sie auf Xing oder LinkedIn ehemalige Studierende in hohen Positionen wieder, etwa in der Standort- oder Personalleitung, berichtet Christmanns Kollegin Peuser: „Die haben in sehr kurzer Zeit echt kräftige Jobs.“

    Doch auch duale Studiengänge seien ein wissenschaftliches Studium, betont die IU-Professorin Bärbel Schomers. Mit der bereits erworbenen Qualifikation könne man problemlos über einen Teilzeitjob ein Masterstudium finanzieren: „Ungefähr ein Viertel unserer Absolvent*innen beginnen ein weiterführendes Studium.“ Auch Jonathan kann sich diesen Weg vorstellen. Als ausgebildete Fachkraft könne er 20 bis 30 Stunden bei der Stadt Düsseldorf arbeiten und nebenher studieren: „Das ist anstrengend, aber viele meiner Kollegen machen das.“

    Grundsätzlich sei sogar eine Promotion eine Option, sagt Christmann. Beim dualen Studium sei ein Doktortitel aber die Ausnahme: „Wer wissenschaftlich Arbeiten will geht eher an eine Uni als an die FH und studiert in der Regel auch nicht dual.“

    Welche Argumente sprechen für duale Studiengänge?

    Für ein duales Studium gibt es viele gute Gründe. Ein großer Vorteil ist beispielsweise der finanzielle Aspekt. Auch für Jonathan war das Gehalt mit ausschlaggebend für seine Entscheidung für das duale Studium beim Jugendamt. „Bei den Mieten in Düsseldorf muss man schon auch aufs Geld schauen“, sagt er. Bei Kooperationen mit Privathochschulen wie der IU übernehmen die Ausbildungsbetriebe außerdem in der Regel die Studiengebühren.

    Auch Studienabbrüche sind beim dualen Studium deutlich niedriger als beim klassischen Vollzeitstudium. Trotz des hohen Niveaus an seiner Hochschule sei außerdem die Durchfallquote der Studierenden gering, sagt Arno Heim von der Hessischen Hochschule für Finanzen und Rechtspflege: „Wir haben Jahrgänge, in denen alle ihren Bachelor schaffen.“

    Die IU-Professorin Bärbel Schomers erklärt die hohen Erfolgsraten mit dem starken Praxisbezug. „Viele meiner Kommilitoninnen hatten ihre ersten Praxiserfahrungen erst im Hauptstudium oder sogar erst im Referendariat und einige sind damit gar nicht klargekommen, so dass sie ihr Studium abgebrochen haben“, erzählt sie. „Das passiert unseren Studierenden nicht.“ Insgesamt brechen rund ein Drittel der Studierenden ihr Studium ab – beim dualen Studium sind es nur fünf Prozent.


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